Irish Folk - Ausdruck eines Lebensgefühls

"Eine Tasse Tee, so bei Sonnenaufgang, wenn man fröstelnd im Westwind steht, während die Insel der Heiligen sich noch im Morgendunst vor der Sonne verbarg; auf dieser Insel wohnt das einzige Volk Europas, das nie Eroberungsfeldzüge unternahm."
                                                   Heinrich Böll, Irisches Tagebuch, 1957

Der Eindruck eines friedfertigen Volkes stimmt und stimmt doch nicht. Von der ansteckenden Freundlichkeit und Offenheit der Menschen kann sich noch heute jeder Besucher Irlands überzeugen. Es gibt sie immer noch haufenweise, die Singing-Pubs, wo die Folk-Songs und das Guinness in Strömen fließen und die fremden Besucher schnell mittendrin Teil des Geschehens sind. Junge, alte, männliche, weibliche, schwarze und weiße Menschen "On the Rocky Road to Dublin".

  

Geschunden durch äußere Angriffe wurden die Menschen Irlands in der Vergangenheit schon immer. Aber sie wehrten sich. Überfälle durch die Wikinger. Eroberung, Knechtschaft, Vertreibung, Unterdrückung durch die Engländer. Die Iren kämpften, rebellierten. Lieder (Rebel Songs) als Medium des Widerstands. Die Musik erschien den englischen Kolonisatoren im 17. Jahrhundert (zu Recht) subversiv. Cromwell ließ Harfen zu Hunderten auf Scheiterhaufen verbrennen und Harfenisten hinrichten. Besetzung, Unterdrückung, Armut sorgten für harte Lebensbedingungen, die die Menschen über Jahrhunderte letztlich nicht unterkriegten.


Der heilige Mythos der Kelten ist gegenwärtig. Tausende von heiligen Steinen - Megalithgräber, Steinkreise sind über die Insel verstreut. Je nach Licht, Nebel, Wind, Grünschattierung der Landschaft, wirkt diese Mystik verschieden auf den Betrachter. Nicht nur die Druiden, auch die Barden genossen bei den Kelten hohes Ansehen.


Irischer Humor, oft etwas hintersinnig, sehr oft kurios und mitreißend, trägt die Spuren dieser Historie. Man lacht lauthals und es steckt an.
Über Tory Island herrschte Irlands letzter Monarch. Das kam so: Dublin wollte das Eiland 1974 evakuieren; der Maler Patsy Dan Rogers wehrte sich und wurde von den letzten 170 Einwohnern zum Inselkönig gewählt. Sie blieben.
In Killorgin wird alljährlich auf dem "Puck Fair" im August ein wilder Ziegenbock zum König gekrönt und die Sache wird drei Tage und Nächte gefeiert. Musik in den Straßen, in den Theatern, auf den Plätzen, in den Pubs.

Natürlich ließe sich über manche historische und gesellschaftliche Verwerfungen und Phänomene trefflich streiten. Natürlich hat die alles einebnende Ökonomisierung und McDonaldisierung auch Irland erfasst. Aber es ist immer noch überdeutlich da, dieses irische Lebensgefühl. Es ist lieblich und rau, tiefsinnig und einfach, freundlich und rebellisch, kommunikativ und rhythmisch, melancholisch, verwurzelt und lebenslustig.

Und man findet es in den Songs des Irish Folk.


Cha deoch-slàint, i gun a tràghadh.
It’s no health if the glass is not emptied.